„Nur auf Freitag zu warten? – Wäre für mich eine Horrorvorstellung!“

Ein erfüllender Job ist für viele Millenials wichtiger als Geld und Karriere. Gleichzeitig macht sich Unsicherheit breit. Von einer Generation, die anders tickt. Anmerkung: Dieser Artikel wurde bereits VOR Corona von Annabel Lutz geschrieben. Was hat sich an den Erwartungen der Berufseinsteiger*innen seitdem geändert? Bei unserem Online-JobTalk: Berufseinstieg - verkehrte Vorstellungen? diskutieren wir darüber mir Studierenden und Unternehmen!


Ich treffe Kathi auf einen Kaffee nahe der Uni – sie muss lernen, bald steht ihre Publizistik-Bachelor-Prüfung an. Zur Abwechslung reden wir über Urlaube und wie es wohl ist, in Schweden zu studieren. Dann aber darüber, was nach ihrem Bachelor passiert, was nach meinem. Da sind zunächst einmal viele To-dos – aber auch eine große Veränderung. Dahinter: Irgendwo der Berufseinstieg. Doch zunächst einmal die Schwelle – und die ist geladen mit Erwartungen und Verunsicherungen.

Das Gute daran? Damit sind weder Kathi noch ich allein. Diese Unsicherheit ist ein Generationen-Ding – sie nennt sich „Quarter-Life-Crisis“. Und nein, das ist kein schlechter Witz. Denn in Wirklichkeit stehen wir nicht nur zwischen dem Uniabschluss und dem Berufseinstieg, sondern zwischen unendlich vielen Fronten: Wir – die Generation Y, die Millenials – finden uns zwischen dem Wunsch nach flexibler Zeitgestaltung und ständiger Erreichbarkeit wider, inmitten von Selbstoptimierungszwang und Burnout-Ängsten, wir müssen entscheiden zwischen finanzieller Sicherheit und risikobehafteter Selbstverwirklichung.

„In meinem Studium bin ich unabhängig: Manchmal arbeite ich 40 Stunden in drei Tagen ab, dann mache ich wieder ein paar Tage nichts – diese Flexibilität hätte ich auch gerne im Job“, sagt Kathi. Dass 9-to-5-Jobs für viele junge Menschen keine Option sind, schreibt auch Beate Großegger vom Institut für Jugendkulturforschung. Die Philosophie der Millenials laute: „Arbeiten, um zu leben, und nicht leben, um zu arbeiten“.

Die ersehnte Flexibilität hat jedoch eine Schattenseite: das Smartphone. Einerseits hat sich Nomophobie (No-Mobile-Phobie) breitgemacht – man will sozial an die Welt angebunden bleiben. Andererseits belastet das Gefühl, nie abschalten zu können. „Es wird einfach erwartet, dass man erreichbar ist. Diese Erfahrung habe ich etwa bei einem Praktikum gemacht“, erzählt Kathi, „aber es ist wichtig, das Smartphone mal wegzulegen – um runterzukommen. Nur ist das in der neuen Arbeitswelt echt schwierig.“

Nicht nur das Smartphone ist ein Stressfaktor für junge Berufseinsteiger*innen. Zwar seien sie die bislang bestausgebildete Generation auf dem Arbeitsmarkt, doch durch die hohe Akademiker*innenzahl ist eine „Inflation der Bildungstitel“ spürbar, schreibt Großegger. Gegen den Konkurrenzdruck weiß Recruiter Steffen Rother hingegen ein einfaches Rezept: „Das Problem vieler Universitätsabsolvent*innen ist, dass sie die im Beruf erforderlichen Fähigkeiten im Studium nicht vermittelt bekommen. Wer sich also neben der Uni selbst Können aneignet – wie etwa IT-Skills – ist klar im Vorteil.“

Doch bevor es zur Bewerbung kommt, ist da noch die Qual der Wahl: einerseits etwas Erfüllendes zu definieren – andererseits die Ahnung, dass man vielleicht einmal einen Job machen wird, den es heute noch nicht gibt.
„Nur auf Freitag zu warten? – Wäre für mich eine Horrorvorstellung!“, stellt Kathi klar. Doch konkret sind ihre Jobwünsche noch nicht. Um eine Idee zu bekommen, wohin es bald gehen soll, lautet Kathis Plan: möglichst viel Erfahrung bei Praktika sammeln.


Über essentielle Entscheidungen von Millenials, Erwartungen von Arbeitgeber*innen und Lösungsansätze wird auch beim Online-JobTalk: „Berufseinstieg: verkehrte Vorstellungen? Sehnsucht nach YOLO und Sicherheit“ am 04. Juni, ab 18 Uhr diskutiert. Der Eintritt ist frei, um Anmeldung wird gebeten.