Als ich eingestiegen bin, habe ich nicht gedacht, dass es zum jetzigen Zeitpunkt noch eine gedruckte Ausgabe geben wird.

Seit einiger Zeit darf DER STANDARD Gründer Oscar Bronner (76) endlich wieder das tun, was er am liebsten macht: Kunst. Wie sein Sohn Alexander Mitteräcker (45) aus der linksliberalen Tageszeitung eines der reichweitenstärksten Online-Portale Österreichs gemacht hat, bei welchen Fragen der Vater noch helfen kann und ob es die Print-Ausgabe noch in zehn Jahren geben wird, erzählen die beiden im Gespräch.

Als Alexander Mitteräcker 1998 von seiner Weltreise zurückkehrte, brauchte er dringend Geld. Beim STANDARD fehlte jemand in der Online-Abteilung und sein Vater meinte, er könne sich das ja mal ansehen. Das war praktisch und naheliegend. Mitteräcker wollte Geld verdienen, um so schnell wie möglich die nächste Weltreise anzutreten. Das ist jetzt 21 Jahre her; Alexander Mitteräcker triff als Alleinvorstand der STANDARD Medien AG alle relevanten Entscheidungen, derstandard.at ist mit über 2,5 Millionen Unique Usern pro Monat auf Platz drei der reichweitenstärksten Websites Österreichs und eine zweite Weltreise ist noch immer nicht in Sicht. „Ich bin schwer gescheitert“, fasst Mitteräcker zusammen.

Ursprünglich wollte er Architekt werden und inskribierte nach der Matura an der TU, bis ihm klar wurde, dass österreichische Architektur-Studierende durchschnittlich 21 Semester lang studierten. „Außerdem bin ich draufgekommen, dass kein Architekt zum Bauen kommt, bevor er 50 ist und dass die meisten Bauwerke nicht nach dem Architekten benannt sind, sondern nach dem Bauherrn.“ Mitteräcker war überzeugt, als Kaufmann eher zum Bauen zu kommen und wechselte das Studienfach. Offenbar steckte in dem großen, ruhigen Sohn schon früh der Schaffensdrang seines Vaters. Dabei wirkt keiner der beiden getrieben. Nicht ohne Grund spricht Oscar Bronner noch immer die Werbespots des STANDARD. Wer ihn reden hört, verliebt sich sofort in seine weiche, dunkle Stimme und möchte zugleich heimlich auf die Uhr sehen. Langsam und bedacht wählt er Wort für Wort. Dafür verzichtet er auf Phrasendrescherei und leere Worthülsen. „Ich glaube, dass ich mir von meinem Vater eine gewisse Ruhe abgeschaut habe, die ich früher bewundert habe und mittlerweile auch bei mir selbst erkenne. Man läuft oft Gefahr, durch eine übertriebene Aufregung sich das Leben schwer zu machen“, bestätigt Mitteräcker das Offensichtliche.


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Woher wir kommen: Seit 1988 erscheint DER STANDARD – gegründet von Oscar Bronner - als Tageszeitung mit Anspruch auf Qualitätsjournalismus und dem Ziel Leserinnen und Lesern auf Augenhöhe zu begegnen. 1995 ging derStandard.at als erste deutschsprachige Tageszeitung online, 1999 erschien das erste Posting und bald darauf wurden Community-Richtlinien definiert, die zu einem offenen, rücksichtsvollen Diskurs im Forum beitragen. Mit der Haltung „Jeder User hat das Recht auf freie Meinungsäußerung“ ist derStandard.at führende Postingplattform im Nachrichtenumfeld.


Bronner kann mit Mitte 70 auf so viele spannende Projekte zurückblicken, es würde für drei Karrieren reichen. Nicht umsonst hat ihn André Heller einst den „Verwirklicher im Land der Zauderer“ genannt. Nach ein paar Semestern Soziologie, Psychologie und Philosophie an der Universität Wien, Jobs im Theater seines Vaters, ersten journalistischen Erfahrungen und der kurzzeitigen Gründung einer Werbeagentur mit Marius Jan Demner, gründete er mit nur 27 Jahren die beiden Wirtschafts- und Politikmagazine „Trend“ und „Profil“. 1974 verkaufe er beide Magazine an den Kurier und zog als Maler und Bildhauer nach New York. In den 80ern kehrte er nach Wien zurück und gründete 1988 den STANDARD, der sich an US-amerikanischen Medien wie der „Financial Times“ oder der „New York Times“ orientierte.

Anfangs war die liberale Tageszeitung auf rosarotem Papier mit einem kompetenten Nischenangebot in Wirtschaft, Politik und Kultur als Zweitzeitung gedacht. Erst, wenn die Auflage stabil über 30.000 Exemplaren liege, wollte man sie – in geschätzten fünf Jahren – zur Vollzeitung ausbauen. Doch die Sehnsucht der ÖsterreicherInnen nach medialen Alternativen war offenbar groß, bereits vom Start weg wurden nie weniger als 35.000 Stück verkauft.

Was Oscar Bronner – ebenso wie sein Sohn – zu dieser Zeit nicht vorhersehen konnte, war das Internet. Der Vater – alles andere als ein „Digital Native“ – glaubte einer Mitarbeiterin, die das Potential früh erkannte, und launchte 1995 den ersten Webaufritt einer deutschsprachigen Zeitung im Internet. Sein Sohn verbrachte schon damals mehr Zeit im Internet als im Hörsaal: „Die WU hat uns sehr schnell die Möglichkeit gegeben, online zu gehen. Das war katastrophal für meinen Studienerfolg und auch schrecklich für meine Telefonrechnung – man hat ja damals tatsächlich pro Minute gezahlt. Lauter fürchterliche Konsequenzen, aber es hat mich fasziniert und immer weiter weggebracht vom Wunsch zu bauen.“ Mitteräcker stellte fest, dass sich durch die Kombination von Medien und Internet ganz neue, spannende Perspektiven ergeben könnten.

Ich brauchte einen Experten und mein Sohn war ein Experte“, fasst Bronner die Zeit zusammen, in der Mitteräcker beim STANDARD anfing. Ende der 90er ging dann alles recht schnell: Die Subabteilung des Archivs wurde selbstständig, die Website mehrfach gerelauncht. Bereits zu dieser Zeit übernahm Mitteräcker mit seiner Kombination aus Basic-Programmier-Skills, Verständnis für Online-Produkte und seinem Wirtschaftsbackground eine Führungsrolle im Team. 2000 wurde er dann mit 26 Jahren einem von drei Vorständen der neu gegründeten Online AG – ein Schritt, der weit weniger bombastisch war, als er aussehen mag: „Es waren ein paar Hawara, die den Online-Bereich aufgebaut haben. Die AG bestand damals aus rund 30 Mitarbeitern – es ist nicht so, dass ich meinen 26-jährigen Buben in einer 500-Mann-Firma zum Vorstand ernannt habe“, erzählt Bronner.

So hat Mitteräcker von Anfang an sein eigenes Ding gemacht – und ging dabei dann doch irgendwie seiner eigentlichen Leidenschaft nach: dem Bauen. Nur baute er nach und nach ein Nachrichten-Portal, ein Forum und einen neuen Unternehmenszweig, statt Wolkenkratzer und Opernhäuser. Bronner hat großen Respekt vor der Leistung seines Sohnes, der nicht in seine Fußstapfen getreten ist, sondern etwas ganz Neues aufgebaut hat. Dabei konnte er auf keinerlei Erfahrungswerte zurückgreifen: „Es war nicht leicht, den STANDARD zu gründen, aber ich hatte einen riesen Vorteil: Ich habe etwas gegründet, was es auf der ganzen Welt gab. Meine Aufgabe war es, eine Möglichkeit zu schaffen, so etwas für Österreich zu machen. Es gab genug Role Models, bei denen ich abschauen konnte. Und ich habe auch abgeschaut, wo immer ich konnte. Als Alexander in das Geschäft eingestiegen ist, ist ein ganz neues Medium entstanden. Dieses Medium haben einige Menschen auf der Welt zu dem entwickelt, was es heute ist, und er ist einer von denen. Insofern musste er vielfältiger sein als ich. Und in Wirklichkeit immer noch – es gibt noch immer kein gültiges Geschäftsmodell für das, was wir machen.“

Anfangs war Bronner noch Geschäftsführer der neuen AG und musste alle Entscheidungen formell treffen. „Das Problem war, dass ich von der Materie keine Ahnung hatte. Und so kamen die einmal die Woche zu mir und sagten: Folgende Entscheidungen stehen an und ich hab’ es registriert und abgesegnet. Nach einiger Zeit wurde mir das einfach zu blöd und ich habe gesagt: ‚Macht das selber‘“, und Bronner wanderte in den Aufsichtsrat.

Der Online-Bereich wuchs rasant. Der Rückkanal mit dem STANDARD Forum nahm immer mehr Bedeutung an. Heute verzeichnet derstandard.at mit 40.000 Userkommentaren täglich die meiste Interaktion österreichischer Plattformen. Die Medienbranche hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten stark gewandelt, doch Mitteräcker sieht gerade in dieser Herausforderung den Spaß an der Sache: „Es gilt eine neue Mediengattung zu definieren und auch zu definieren, welchen Stellenwert Medien in Zukunft haben. Zwischenzeitlich dachte man, Facebook wird alles übernehmen, aktuell findet allerdings wieder eine Rückbesinnung statt. Der Stellenwert der Medien wächst wieder, es ist kein Zufall, dass Vergebührung aktuell so ein großes Thema ist. Den Leuten ist bewusst, dass Qualitätsjournalismus viel Geld kostet und sind inzwischen auch wieder bereit dafür zu zahlen.“ Zurzeit testet DER STANDARD die Paywall „Pur“ für Adblocker UserInnen und alle, die datenfrei und damit auch werbefrei den STANDARD nutzen möchten. „Pur hat uns bestärkt, dass da auch ein interessanter Markt vorhanden ist“, erläutert Mitteräcker. „Es ist sehr reizvoll, einen weiteren Erlösstrom über die NutzerInnen zu generieren und nicht nur über die Werbung. Wir denken gerade sehr heftig nach, wie so ein Modell für uns ausschauen könnte.“

Ob es die Printausgabe auch in 20 Jahren noch geben wird?

Mitteräcker will sich mittlerweile in keiner Prognose mehr üben: „Ich gebe offen zu: Als ich eingestiegen bin, habe ich nicht gedacht, dass es zum jetzigen Zeitpunkt noch eine gedruckte Ausgabe geben wird. Aber das Interesse ist nach wie vor vorhanden – und nicht einmal viel geringer als vor zwanzig Jahren.“ Das Entwicklungspotential liegt aber offensichtlich ganz klar im Online-Bereich. So holte sich Mitteräcker 2017 einen jungen, digitalaffinen Chefredakteur an Bord: der 35-jährige Martin Kotynek war zuvor stellvertretender Chefredakteur von ZEIT Online.

Bronner zog sich bereits 2008 weitestgehend aus dem operativen Geschäft zurück und kann sich nun endlich wieder verstärkt seiner Kunst widmen. „Ich dachte bei der Gründung eigentlich, dass das ganze nach fünf bis sechs Jahren auf Schiene sei und ich wieder Kunst machen könnte. Das war ein kleiner Irrtum – ich bin froh, dass ich es jetzt machen kann.“ Bei den ganz großen Entscheidungen wird er dann aber doch noch gefragt. Als im vergangenen Jahr das Logo neu gestaltet wurde, haben sich Vater und Sohn beraten. „Ich habe allerdings von Anfang an klargemacht: Die Letztentscheidung liegt bei ihm“, betont Bronner, dem das Verlagsgeschäft offenbar nicht abgeht: „Wenn ich nichts höre, gibt es keine Probleme. Das ist für mich sehr angenehm.“ Sollte sein Sohn eines Tages die Nase voll haben, dann würde es eben jemand anderes machen, sei es eines der anderen zwei Kinder, die Enkelin oder eben eine ganz andere Person: „Ich habe den STANDARD nicht aus einer dynastischen Intention heraus gegründet.“


Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von Miriam Kummer, erschienen im Rise.



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