Arbeit 4.0 – maximal flexibel und mobil?

Arbeit 4.0 - Thema bei Uniport, dem Karriereservice der Universität Wien.

Wie viel Freiheiten und Flexibilität haben MitarbeiterInnen österreichischer Unternehmen – jetzt und in Zukunft? Wie reist, lebt und arbeitet eine digitale Nomadin? Und sind Crowdworker die neuen digitalen Taglöhner?


Von dem kleinen Café aus hat Melanie Hetzer den perfekten Blick auf sattgrüne Reisterrassen zwischen meterhohen Palmen. Doch sie schaut so konzentriert auf ihr Notebook, als säße sie in der Bibliothek. Was die Wallstreet für Investment Banker ist, ist Ubud für digitale Nomaden – hier, mitten im Balinesischen Dschungel reicht das WLAN bis in den hintersten Coworking Space. Die 27-Jährige hat vor einem Jahr das Start-up „Cora Health“ – eine App zur Bluthochdruckkontrolle – gegründet. Seit drei Wochen reist sie nun mit ihrem Freund und Co-Founder durch Südostasien. Auf ihrem Blog digitalenomadin.at gibt die Gründerin Tipps für arbeitende Reisende, schreibt Travel-Diaries und vergleicht die wichtigsten Accessoires. Der erste Beitrag: Die Suche nach dem passenden Rucksack für Notebook und Handy.

Die Digitalisierung ermöglicht maximale Ortsunabhängigkeit, eine Entwicklung, die laut Prof. Jörg Flecker, Soziologe der Universität Wien, auch Schattenseiten mit sich bringt. Immer mehr Unternehmen vergeben Aufträge mittels webbasierter Plattformen an internationale CrowdworkerInnen – nationale Arbeitsrechte und soziale Absicherung der selbstständigen ArbeiterInnen greifen hier eher selten, die Konkurrenz ist riesig, der Druck in Form von ständiger Erreichbarkeit und Beschleunigung umso höher.

Univ-Prof. Dr. Jörg Flecker
Soziologe der Universität Wien

„Gerade zum Berufseinstieg nehmen die jungen Menschen viel in Kauf, etwa nicht vorher verabredete Überarbeitungen oder ähnliches, um ja keine schlechte Bewertung zu riskieren.“ Prof. Flecker bezeichnet das Crowdworking als die neue digitale „Taglöhnerei“.

 

Auch Prof. Christian Korunka, Arbeits- und Organisationspsychologe an der Universität Wien, sieht die Situation für selbstständige, aber auch angestellte ArbeitnehmerInnen kritisch:

Univ-Prof. Dr. Christian Korunka
Arbeits- und Organisationspsychologe der Universität Wien

„Vieles, was in der Arbeitswelt derzeit passiert, läuft dem Sicherheitsbedürfnis entgegen: Es gibt immer weniger dauerhafte bzw. gesicherte Anstellungen und durch die Digitalisierung kann es sogar zu einer Überforderung durch zu große Autonomie kommen.“

Prinzipiell würden die meisten ArbeitnehmerInnen Autonomie und Flexibilität an ihrem Arbeitsplatz aber begrüßen. „Menschen sind per se neugierig, wollen sich weiterentwickeln und ihr Wissen anwenden“, so Prof. Korunka. Die Möglichkeit, den Arbeitstag flexibel zu gestalten und sich an Home-Office-Tagen den Arbeitsweg zu ersparen, kommt vor allem Studierenden und Eltern zugute, die für einen freien Nachmittag mit den Kindern auch mal am Abend arbeiten würden. Eine Studie der IWG Workspace Beratung mit TeilnehmerInnen aus 96 Ländern hat ausnahmslos positive Effekte flexibler Arbeit, im Hinblick auf Geschäftswachstum (89 Prozent), Wettbewerbsfähigkeit (87 Prozent), Profitabilität (83 Prozent), Produktivität (82 Prozent) sowie das Anwerben und Halten von Spitzenkräften (80 Prozent) gezeigt.

Die Situation in Österreich wurde 2017 von Prof. Korunka in einer Gemeinschaftsstudie untersucht: 61 Prozent der 400 befragten österreichischen Unternehmen bieten zumindest der Hälfte ihrer MitarbeiterInnen Gleitzeitmodelle an, rund 20 Prozent ermöglichen dem Großteil der MitarbeiterInnen Home Office, in 50 Prozent der Unternehmen dürfen immerhin Einzelpersonen mobil arbeiten. Allerdings wird die Freiheit wenig genutzt, da die physische Anwesenheit – das Gefühl sichtbar zu sein – noch immer in 77 Prozent der Unternehmen als wichtig erachtet wird. Zugleich erwarten 64 Prozent, dass Führungskräfte auch in der Freizeit erreichbar sind. Dabei hat gezeigt: „Je höher das Vertrauen im Unternehmen, desto flexibler ist auch der Umgang mit Arbeitszeit und -ort.“


Welche Veränderungen bestimmen die Entwicklung des Arbeitsmarktes in Europa und was bedeutet das für Menschen und Gesellschaft?
>> Im Rahmen der aktuellen Semesterfrage sprach uni:view mit dem Psychologen Christian Korunka und dem Soziologen Roland Verwiebe.


Viele österreichische Unternehmen befinden sich gerade in einem großen Umwandlungsprozess, bis der sich sowohl am Papier als auch in den Köpfen von MitarbeiterInnen und Führungskräften verankert hat, wird es wohl noch ein paar Jahre dauern. Johannes Stadler, IT-Recruiter der RBI, spricht von einer großen Chance, hin zu variablen Arbeitszeitmodellen ohne Kernzeit, zur Möglichkeit von Home Office, einer flexiblen Arbeitsplatzsituation und selbstverantwortlichen Teams. „Wir binden unsere Führungskräfte in diesen Prozess aktiv mit ein und so arbeiten einige unserer Abteilungen bereits sehr flexibel, andere Teams fühlen sich in den traditionellen Strukturen noch sehr wohl.“ Das Ziel sei, MitarbeiterInnen anzusprechen, die nicht ihre Zeit absitzen, sondern selbstständig und eigenverantwortlich arbeiten und sich mit dem Großen und Ganzen identifizieren.

Melanie hat eine klassische Arbeitssituation nie kennengelernt. Nach ihrem Studium in Wien und Schweden, hat sie bei verschiedenen Start-ups gearbeitet, die ihr genau die Freiheit boten, die sie sich wünschte. Ihr Motto: „Work isn’t a place you go to, it’s a thing you do.” Und so stört es Melanie nicht, dass sie, von gelegentlichen Tagesausflügen abgesehen, täglich an ihren Projekten arbeitet und auch vor Wochenenden oder Feiertagen keinen Halt macht. Warum dann nicht gleich daheim bleiben? „Das Reisen ist ein super Ausgleich zur Arbeit und hält die Motivation hoch“, erklärt Melanie. Und wenn wir ihrem Instagram-Account glauben dürfen, geht es ihr verdammt gut dabei!



Miriam Kummer ist eine der beiden Chefredakteurinnen von Rise - dem Karrieremagazin von Uniport und Verlagsleiterin der Marble House GmbH. Auch wenn sie die Möglichkeiten neuer Flexibilität begeistern, schätzt sie doch eine klare Trennung von Work und Life.

 



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