Physikunterricht statt Hirnforschung

Mit einem Master in Cognitive Science in eine NMS im 10. Bezirk in Wien gehen? Für Daniel Attia eine Herausforderung, die sich lohnt.
So wie insgesamt über 200 engagierte Uni-AbsolventInnen aus den verschiedensten Fachrichtungen hat sich der heute 30-Jährige dazu entschlossen, seinen Lebensweg zu verändern und sich für Bildungsgerechtigkeit stark zu machen - und zwar mitten im System.

Als Teach For Austria-Fellow unterrichtet er Kinder und Jugendliche mit schlechten Startbedingungen und möchte zeigen, was in ihnen steckt. Mittlerweile ist Daniel seit eineinhalb Jahren an einer Neuen Sportmittelschule in Wien Favoriten tätig, besonders anfangs war es aber nicht immer leicht.

Auf die Probe gestellt

„Ich erinnere mich noch ganz genau an eine sehr prägende Geschichte aus der Anfangszeit“, erzählt Daniel Attia: „ Der Schüler hieß Jagoš . Schon in der ersten Stunde fiel er mir auf, war unaufmerksam und wirkte zerbrechlich auf mich.“ Jagoš  forderte den neuen Lehrer sofort heraus. Nach mehrmaligem Ermahnen, weil der Schüler den Physikunterricht gestört hatte, läuft bei Jagoš das Fass über, schildert Daniel: „Er hat laut durch die Klasse gebrüllt, dass er mich, die Schule und jedes einzelne Fach, das ich unterrichte, hasst - er hat sich sogar die Mühe gemacht, sie alle einzeln aufzuzählen. Mit einer Armbewegung hat er seine Sachen vom Tisch geworfen und ist rausgestürmt.“

Potenziale stärken

Später erfuhr Daniel, wieso es für Jagoš  besonders schwierig war, am Unterricht teilzunehmen: Er hatte ADHS, litt an mehreren gesundheitlichen Problemen und musste ständig Medikamente einnehmen, die seinen Körper und seine Psyche belasteten. Daniel entschied sich, Jagoš nicht einfach aufzugeben, sondern bewusst seine Zeit und Energie in ihn zu investieren. „Ich habe sein gutes Verhalten gelobt, ihn animiert regelmäßig im Unterricht mitzuarbeiten und ihm klar gesagt, was ich mir erwarte. Aber wir haben auch viel über Probleme, die ihn beschäftigen, seinen Lieblingsmusiker Raf Camora, seine Freizeit und über sein Zeichentalent gesprochen“, erzählt er.

© David Blacher/ Teach For AustriaFoto: So wie Jagoš stehen auch für zehntausende andere Kinder große Hürden vor einem erfolgreichen Bildungsweg. In keinem anderen EU-Land entscheiden Herkunft, Bildung und Gehalt der Eltern so stark über den Bildungserfolg wie in Österreich.

„Wir sind weitergekommen”

Die Beziehungsarbeit lohnte sich. Nach einigen Monaten veränderte sich Jagoš Verhalten, er zeigte sich interessiert, arbeitete mit, stellte kluge Fragen und verbesserte seine Noten. „Er hat sich bemüht, auch wenn seine zappeligen Beine und die kurzen, schnellen Blicke quer durchs Klassenzimmer gezeigt haben, wie schwer ihm das fällt.“ Im Sommersemester schaffte er schließlich ein „Sehr gut“ auf den Geografietest. „Für mich ist es einer dieser vielen schönen Momente, die ich in meiner Zeit an der Schule erlebt habe: zu sehen, wie wir durch die gemeinsame Arbeit und die vielen Gespräche in und abseits der Stunde, so viele Schritte weitergekommen sind. Die Schule ist für Jagoš  wieder zu einem Ort geworden, an dem er sich auch wohlfühlen und strahlen kann.“

Impact spüren

Von Geschichten wie dieser fühlt sich Daniel in seinem Job bestärkt: „Es sind diese kleinen, einzelnen Geschichten, in denen es um so viel geht. Diese Erfahrung, die einen wissen und spüren lässt, wie wichtig die eigene Arbeit ist.“ Die Zeit als Fellow sieht er bereichernd und empfiehlt das Programm: „Ich habe mich selbst so stark weiterentwickelt und hätte nie gedacht, wie viel ich bei Kindern wie Jagoš bewirken kann. Das ist eine so wertvolle Erfahrung, die mich ungemein geprägt hat. Ich kann nur jeden, der Verantwortung im Job übernehmen will, ermutigen sich zu bewerben.”

Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von Teach for Austria



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