Vom Regiesessel ins Klassenzimmer

Fixe Pläne und dann doch alles anders

„Als ich angefangen habe zu studieren, wollte ich am Theater sein”, erzählt Helmut Käfer. Diesen Plan verfolgte der heute 30-Jährige auch gezielt - er inskribierte Theater-, Film- und Medienwissenschaften und arbeitete neben dem Studium bei verschiedensten Theaterproduktionen als Regieassistent und in der Dramaturgie. Als aber der Studienabschluss immer näher rückte, wurde plötzlich alles anders. „Ich wollte nicht mehr das, was ich eigentlich immer wollte”, erinnert sich Helmut: „Mir hat nach dieser Zeit der tiefere Sinn gefehlt.”

Statt Sinnkrise Job mit Sinn

Neben Studium und Arbeit am Theater engagierte sich Helmut auch sozial. Bei seiner Arbeit mit Obdachlosen stellte er sich immer wieder die gleiche Frage: „Was hätte man in der Kindheit oder Jugend dieser Menschen tun können, damit ihr Leben heute ein besseres wäre?” Zur gleichen Zeit hörte er auch zum ersten Mal von Teach For Austria. Eine Freundin erzählte ihm von der Initiative: Engagierte HochschulabsolventInnen aus verschiedensten Studienrichtungen bewerben sich für ein zweijähriges Leadership-Programm. Jene, die ausgewählt werden, unterrichten nach einer  intensiven Vorbereitungszeit an besonders herausfordernden Neuen Mittelschulen und Polytechnischen Schulen in Wien, Niederösterreich oder Oberösterreich. Mit Sondervertrag arbeiten Teach For Austria-Fellows als vollwertige Lehrkräfte an Schulen, die vor allem Kinder aus sozial benachteiligten Familien besuchen, und setzen sich dafür ein, dass sie nach der Pflichtschule weitere Bildungswege gehen können. Während der zwei Jahre werden Fellows begleitet – über 800 Stunden Trainings, Coachings und Workshops sind fixer Bestandteil des Teach For Austria-Ausbildungsprogramms. „Klingt cool”, dachte sich Helmut damals – nur wenige Monate später begann sein neuer Karriereabschnitt bei Teach For Austria.

Breaking the class ceiling

Der Grund, wieso Teach For Austria junge, engagierte Menschen wie Helmut ins Schulsystem bringen will, ist schnell erklärt: In Österreich wird Bildung nach wie vor stark vererbt. Welchen Schulabschluss ein Kind macht, hängt oftmals nicht von seinen  Potenzialen  ab, sondern davon welchen Bildungsstand seine Eltern haben. Bereits im Alter von zehn Jahren haben Kinder aus bildungsfernen Familien gegenüber Gleichaltrigen aus AkademikerInnenfamilien bis zu drei Jahre verloren. Damit das nicht passiert, brauchen diese SchülerInnen besonders engagierte und begeisternde Lehrkräfte, die ihre Potenziale erkennen sowie  fördern und sie für weitere Bildungswege motivieren. Teach For Austria Fellows sollen eine neue Perspektive in den Schulalltag bringen und sich gemeinsam mit den DirektorInnen und LehrerInnen für ihre SchülerInnen einsetzen. „Ich lerne jeden Tag viel von meinen KollegInnen und ich denke, meine Sicht auf manche Dinge kann wiederum für sie bereichernd sein“, erklärt Helmut die Zusammenarbeit.

Foto: Die Chance auf Bildung hängt in Österreich stark vom Elternhaus ab - die Hälfte der Kinder von Eltern, die nur die Pflichtschule besucht haben, kann nicht sinnerfassend lesen.

Erster Schultag nach 12 Jahren

Nach der elfwöchigen Vorbereitungsphase war der 6. September 2017 für 45 Teach For Austria Fellows der erste Schultag als LehrerInnen. Nach zwei Monaten sind sie bereits gut in ihrem neuen Job angekommen. Auch Helmut hat sich eingelebt: „Ich war gut vorbereitet und wusste, dass es herausfordernd wird“, zieht er ein erstes Resümee. „Was mich überrascht hat, ist vor allem wie schnell der Beziehungsaufbau mit den Kindern klappte. Wenn ich in der Früh kurz vor der Stunde in die Klasse komme, kommen sie schon alle auf mich zugelaufen, rufen ‚Herr Käfer, Herr Käfer‘ und erzählen mir von ihren neusten Erlebnissen. Es ist ein schönes Gefühl, jemand Wesentlicher im Leben so vieler kleiner Personen zu sein.“ In seiner neuen Aufgabe als Lehrer profitiert der gebürtige Niederösterreicher von den Erfahrungen, die er im Studium und am Theater gesammelt hat. „Wer einmal als Regieassistent gearbeitet hat, hat gelernt mit speziellen Persönlichkeiten umzugehen  – egal ob es 35-jährige Schauspieler mit Star-Allüren oder sture Erstklässler sind“, lacht er.

Foto: 45 Fellows starteten mit dem Schuljahr 2017/18 ins zweijährige Fellowprogramm. Ihre Studienhintergründe reichen von Philosophie über Internationale Entwicklung bis zu Orgelmusik.

„Wenn die Leidenschaft da ist, bewirb dich“

Auf die Frage, was ihn antreibt, sich jeden Morgen auf den Weg in die Schule zu machen und 25 SchülerInnen zum Lernen zu motivieren, sagt Helmut: „Wenn man es schafft seine SchülerInnen für etwas zu begeistern, ist das ein wunderbares Gefühl. Das stellt alle Stunden, die mühsam waren, sofort in den Schatten und ich weiß genau, wieso ich mich für diese Aufgabe entschieden habe.“ Aktuell sind insgesamt 89 Teach For Austria-Fellows aus zwei Jahrgängen in 43 Schulen im Einsatz. Ihre Studienhintergründe sind divers: Von Betriebswirtschaft, Jus, Politikwissenschaft, Publizistik über Bauingenieurwesen, Ernährungswissenschaften und Philosophie bis zu Neurowissenschaften und Orgel. Das Bewerbungsportal für den Fellowjahrgang 2018 ist bereits offen. Helmut Käfer empfiehlt das Programm und legt allen, die mit der Bewerbung noch zögern, ans Herz: „Wenn die Leidenschaft da ist, bewirb dich. Es kommt nicht darauf an, was du studiert hast – wichtig ist, dass du bereit bist, diese große Herausforderung anzunehmen.“


Infos zur Bewerbung findest du unter:
www.teachforaustria.at/werde-fellow

Nächste Priority-Deadline: 28.01.2018 - über ein Drittel der Plätze für 2018 sind bereits vergeben.
Die komplette Ausschreibung und den Link zum Bewerbungsprogramm findest du hier.


Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von Teach for Austria



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