Wo siehst du dich in 7 Jahren?

Ich bin 23 Jahre alt. Mein Weltbild ändert sich im Schnitt einmal im Quartal, mein Menschenbild jedes zweite Jahr und auf ein Männerbild konnte ich mich mit meinem Unter-Ich noch nicht einigen. Meine Möglichkeiten sind so zahlreich, wechselhaft und in ihrer Kurzlebigkeit schwerer einzufangen, als ein scheues Pokémon. Meine Ideen sind hochtrabend, unkonventionell und doch konservativ zugleich, meine Erwartungen überbordend. Das weiß ich, weil das bin ich jetzt. Was ich nicht weiß, man aber von mir wissen wollte war: Wer ich sein werde.

Für das Vorstellungsgespräch hatte ich eine schwarze Hose und eine weiße Bluse mit grafischem Muster und kastigem Schnitt kombiniert. Diese edgy-mädchenhafte Mischung bringt hoffentlich subtil rüber wie kompetent und wandelbar ich bin, dachte ich mir während ich während ich die fünf Stockwerke ins Headquarter des superhippen Start-ups bezwang.

Das Büro des Jungunternehmens erfüllte alle Klischees und spielte alle Stückerl: Spartanische Einrichtung, riesige Macs und eine gut ausgestattete Kaffeeküche, sonst nichts. Ich wurde herzlich von den Gründern begrüßt – alle in Hemd und bunten kurzen Hosen – und an der Kreativwerkstatt vorbei in den Besprechungsraum geführt. Der Kaffee war gut, der Strudel süß, die Atmosphäre entspannt.

Anlässlich dieses Bewerbungsgesprächs hatte ich eine Werbekampagne entworfen, die ich in gewohnter Uni-Manier, nur mit etwas mehr Lust präsentierte – schließlich ging es endlich einmal um etwas anderes als um ECTS. Als das geschafft war, begannen die zwei Gründer – beide ungefähr auch in meinem Alter – ein scheinbar unverfängliches Gespräch voller Konjunktive. Nach einer knappen Stunde Unterhaltung und einer Atmosphäre, in der mein Händeschweiß getrocknet und mein Puls wieder normal geworden war, entschuldigte sich einer meiner Gegenüber fast ein wenig, dass er noch eine viel zu konventionelle, aber doch unvermeidbare Frage stellen müsste:

Wo siehst du dich – beruflich und privat –
heute in sieben Jahren?

 

In all den Basteleien und kreativen Ergüssen hinsichtlich der Werbekampagne hatte ich doch tatsächlich vergessen, mich ein paar Minuten in Gedanken damit zu beschäftigen, wie ich am besten auf die klassischste Interviewfrage der Welt antworten würde. Und bei der Erkenntnis, dass es doch für eine halbwegs passable Antwort wohl einige peinlich zu lange Augenblicke brauchen würde, war mir plötzlich wieder sehr heiß und die große alte Frage präsenter denn je: Wer ich wohl sein werde. „Heute in sieben Jahren...“, sagte ich und lachte nervös, um ein wenig Zeit zu gewinnen.

Genau einen Monat vor dem Bewerbungsgespräch trat ich mit klammen Händen aus dem altehrwürdigen Gebäude meiner Universität und blinzelte in den wolkenlosen Himmel. Um mich herum strömten junge Leute wie eifrige Ameisen über den Vorplatz meiner nun „Alma Mater“ – nervös, motiviert, deprimiert. Ich stand in der bewegten Menge und hielt sie fest umklammert, die Endfassung meiner Bachelorarbeit, die mich dazu befähigen sollte, mindestens einen ganzen Sommer mit dem Geist so leer wie das Weltall zu verbringen. Ich war tatsächlich fertig, der Bachelor war bestanden. Das triumphale Vakuum-Glück hielt genau dreieinhalb Tage, dann kamen die alten Fragen zurück: Was mache ich jetzt? Was kann ich? Und vor allem: Wer werde ich sein?

Statistisch betrachtet war ich nun eine von österreichweit ca. 35.000 Uni-AbsolventInnen, eine winzige Erdnuss in einer großen, salzigen Schale. So entmutigend diese Zahlen auch aussehen, die Absolventen-Statistik meiner Uni munterte mich auf: Ich würde fünf Bewerbungen schreiben, davon drei Einladungen zum Gespräch erhalten, und davon wiederum ein Jobangebot bekommen. Die Stellenausschreibung des Start-ups passte also perfekt in meine persönliche Lebensstatistik.

Doch wer würde ich beruflich sein? Mit dem bisschen Marketing, der fehlenden Berufserfahrung, mittelmäßigen Italienischkenntnissen und einer ziemlich sicheren Idee davon, dass ich mir absolut kein Leben vorstellen konnte, das Rechnungswesen oder Kostenrechnung auch nur im Ansatz berührt.


Die Luft im Besprechungsraum kam mir plötzlich stickig vor, mein Kaffee war plötzlich schal. Ich hätte sagen können: „Beruflich sehe ich mich heute in sieben Jahren in einem Unternehmen – Hauptsitz in Wien, Außenstellen in London, Mailand und Marseilles – in dem ich eine Mischung aus genau jenen Fähigkeiten anwenden kann, die ich mir an der Uni, in Nebenjobs, auf Reisen und aus meinen Lieblingsbüchern angeeignet habe. In diesem Unternehmen sind die Kollegen Freunde und die Hierarchien flach, man macht gemeinsam Yoga und beim Morgenmeeting bekommt jeder einen Apfel. Ich habe Verantwortung über Projekte und die Mittel und Zeit, eigene Ideen in den Bereichen Marketing, Projektmanagement oder Kommunikation umzusetzen.“ Nein, das war unmöglich – zu theoretisch, zu Uni-lastig. Ich räusperte mich nur, die Gründer sahen mich auffordernd an.

Auf den Abschluss folgten Tage des wunderbaren Post-Examen-Studentenlebens. Im Hinterkopf aber blieb die „Wer-ich-sein-werde – Frage“, die sich über die Berufswahl hinaus auszudehnen begann.

Beflügelt vom Gefühl, etwas „Berufliches“ beendet zu haben, beendete ich also auch gleich noch etwas Privates: Das Frühlings-Gspusi. Es war zwar schön gewesen, abends nach dem Bachelorarbeit-Schreiben am Donaukanal Händchen zu halten und nach dem zweiten Veilchen-Spritzer mit glasigem Blick ein hübsches Gesicht zu küssen. Schön war auch die eine oder andere Diskussion über Grundsatzfragen, schön war auch so manche laue Nacht. Aber ernst? Den Donaukanalküsser meinen Freunden vorstellen? Ihn mit zu meinen Eltern bringen? Alles über ihn erfahren, vom Lieblingsmüsli bis zu den Volksschulgeschichten? Nein, das konnte ich mir gar nicht vorstellen. Er würde kein Teil von der sein, die ich sein werde.

Es fühlte sich richtig und leicht an, und doch war dieses befreiende Ende ein kleiner Verlust. Beim Blick in meinen Freundeskreis dachte ich in dieser Zeit nämlich manchmal schon mittags: „Ich muss einen Frühstücks-Spritzer zu viel gehabt haben“, weil alles plötzlich doppelt war: Pärchen soweit das Auge reicht. Kitschig – vertraute Intimität, mehr Geschichten über Versöhnungssex als über Streitereien und immer öfter Pläne, wie die näher rückende Zukunft mit Häuschen im Heimatbundesland wohl aussehen würde.

Und ich alleine mitten drin. Als einer jener Menschen, die die 30-prozentige Single-Rate der Bevölkerung ausmachen. Einerseits immer schön lässig die eigene Unabhängigkeit betonend und diese gewisse Freiheit von emotionalen Belangen, die das Leben alleine so einfach und aufregend machen, so unkompliziert und leicht planbar. Andererseits im glasklaren Wissen, dass die richtige Art von Zweisamkeit wohl das Nonplusultra des Lebens sein muss, die Quintessenz des Seins.

Doch diese zu finden, stellt für mich immer noch das große Rätsel der Menschheit dar. Und trotzdem gehe ich davon aus, dass die, die ich sein werde, genau diese richtige Art von Zweisamkeit gefunden haben wird. Hätte ich also sagen sollen: „Privat sehe ich mich heute in sieben Jahren in einer festen Beziehung – der Verlobung nahe – mit einem jungen Mann der mit Eifer seinem Berufswunsch folgt, der aber gleichzeitig auch handwerkliche Qualitäten an den Tag legt, mich aber trotzdem den Rasen mähen lässt, weil ich das so gerne mache. Wir ergänzen uns, haben gleiche Hobbies aber verschiedene Interessen, wir reisen viel und beginnen mit dem Hausbau in der Provinz – die Arbeit funktioniert bis dahin ja sowieso zum Großteil über Telekommunikation. Der Freundeskreis ist ähnlich wie der heutige, nur sind die Aktivitäten geordneter und nicht mehr so von Alkohol durchtränkt.“ Nein, auch das konnte ich nicht aussprechen, zu intim, zu konservativ, zu unkreativ. Ich schwieg.

Das Schweigen im Start-up-Gespräch hatte sich unangenehm ausgedehnt und füllte jede Ritze des Raumes aus, meine Hände waren nass, meine beiden Gegenüber blickten mich wenig erwartungsvoll bis gelangweilt an, aus dem freundschaftlichen Gespräch war ein knallhartes Interview geworden. Um die Stille endlich zu brechen, sagte ich schließlich mutlos, mit allen Fragen dieser Welt im Kopf: „Heute in sieben Jahren sitze ich wohl barfuß auf einem indischen Zugdach, bin pleite, geschieden, arbeitslos, schwanger und suche nach dem Sinn des Lebens.“ Die Gründer waren verdutzt. Ich zwei Wochen später auch: Denn da habe ich den Job bekommen.

Dieser Artikel stammt aus der Erstausgabe unseres Karrieremagazins RISE und aus der Feder von Alina Lindermuth.