Im Sommersemester nichts Neues

Wie Studierende mit Leistungsdruck trotz Pandemie und fehlender Social Experience umgehen.

Umfragen ergeben, dass immer mehr Studierende mittlerweile am Rande ihrer Belastungsgrenzen stehen. Das Social Life, das im Studienalltag zuvor für genügend Ausgleich gesorgt hat, ist überwiegend weggefallen, dafür kommen Diskussionen über die geplante Mindestleistung für Studienanfänger*innen dazu. Die Publizistikstudentin Johanna (24) und der BWL-Student Jan (25) erzählen, wie sie trotz Lockdown Job und Studium unter einen Hut bekommen und was sie über den andauernden Leistungsdruck trotz Krisenjahr denken.

Foto Niko HavranekJohanna ist vierundzwanzig, beendet bald ihr Masterstudium in Publizistik- und Kommunikationswissenschaft und ist auch schon als Redakteurin tätig. Klingt doch ideal, oder? Fast, denn diesen eigentlich sehr erinnerungswürdigen Lebensabschnitt hat sie sich zu Beginn ihrer Studienzeit, und zwar, als der Begriff Corona höchstens mit der Biermarke assoziiert wurde, natürlich völlig anders vorgestellt. „Ich möchte auf keinen Fall die notwendigen Schutzmaßnahmen kritisieren. Wir sprechen jetzt aber ganz offen über die Auswirkungen und es ist nun einmal so, dass das soziale Leben, aus dem man so viel Freude und Energie geschöpft hat, total weggefallen ist. Mein Alltag besteht seit fast einem Jahr nur noch daraus, vor dem Computer zu sitzen und produktiv zu sein – oder es zumindest zu versuchen. Arbeit und Uni. Alles dazwischen scheint nicht mehr zu existieren und das ist hart. Einige betrachten das als Jammern auf hohem Niveau, aber ganz ehrlich: Diese Situation ist für mich als junge Person, die so gerne von Leuten umgeben war, nach so vielen Monaten richtig, richtig schwierig“, verrät die Studentin und spricht damit bestimmt vielen anderen aus der Seele.

Welchen Stellenwert haben Social Experiences an der Uni tatsächlich?

Wie die meisten in ihrem Jahrgang konnte Johanna den normalen Uni-Alltag mit all seinen zwischenmenschlichen Interaktionen zu Beginn des Studiums in vollen Zügen genießen. Die Erwartung aufregender Jahre mit neuen Gesichtern hat sie auch zu einem großen Teil dazu motiviert, aus Tirol wegzuziehen und in Wien zu studieren. Die baldige Publizistikabsolventin ist sich sicher, dass kaum etwas so förderlich für die persönliche Weiterentwicklung ist wie die sozialen Erfahrungen im Studienleben. Als sie vor einigen Jahren alleine von Tirol nach Wien gezogen ist, musste sie sich hier einen komplett neuen Freundeskreis zusammenwürfeln. Die ersten Semester haben ihr die Schüchternheit ausgetrieben. Sie erzählt: „Da ich einerseits neugierig und andererseits durch meine Lage praktisch dazu gezwungen war, habe ich nach den Übungen ständig die Möglichkeit genutzt, mich mit den anderen zu unterhalten. Ich konnte so auf einen Schlag unglaublich viele interessante Menschen kennenlernen und das ist für mich mit das Schönste am Studienalltag. Ich bin durch diese Connections auch zu einer coolen Gruppe gekommen, die Partys im WERK organisiert hat. Daran werde ich mich noch erinnern, wenn ich alt bin. Die Zeit auf der Uni war zusammengefasst ein enorm positiver Wendepunkt meiner Entwicklung im jungen Erwachsenenalter.

„Studieren ist keine Erfahrung mehr“

Augenblicklich vergleicht sie den Studienalltag von früher mit dem von heute: „Studieren ist keine Erfahrung mehr. Distance Learning heißt für mich einfach nur ein Online-Tool zu öffnen und zu warten, bis die Zeit um ist. Man hat meistens keine Ahnung, mit wem man da überhaupt in der Vorlesung sitzt.“ Die Pandemie-Erstsemestrigen tun Johanna ganz besonders leid, denn die aufregenden sozialen Erfahrungen, die das Studieren zuvor immer mit sich gebracht hat, bleiben ihnen auf unbestimmte Zeit verwehrt. Die meisten werden ihre Hochschule außerdem nicht einmal von innen kennen, was die Situation für sie noch ein Stück befremdlicher macht.

Die besten Momente geschehen außerhalb des Hörsaals

Der 25-jährige Jan hat seinen Abschluss ebenfalls bald in der Tasche. Er studiert BWL, arbeitet neben dem Studium als Research Analyst in einer Unternehmensberatung und ist zusätzlich als Lieferant bei MJAM tätig. Wie Johanna hat er schon einige Studienjahre auf dem Buckel und weiß dadurch, wie wichtig die sozialen Kontakte sind. Als Jan nach den besten Momenten seiner bisherigen Studienzeit gefragt wird, spricht auch er weder von lehrreichen Vorträgen noch von gelungenen Knock-out-Prüfungen, sondern über Erlebnisse mit seinen Studienkolleg*innen, die vor allem außerhalb der Hörsäle oder Seminarräume stattgefunden haben: ob Pubquiz-Abende direkt nach Lehrveranstaltungen, Home Partys am Wochenende oder Gespräche über coole Start-up-Ideen, die er nebenbei ganz locker beim Pizzaessen führen konnte.

„Soft Skills sind genauso wichtig wie Hard Skills“

Er betrachtet alle zwischenmenschlichen Nebenelemente des Studierens zwar als wichtigen Spaßfaktor und weist gleichzeitig darauf hin, dass man durch das ständige Aufeinandertreffen mit fremden Studienkolleg*innen unbewusst die eigenen sozialen Fähigkeiten trainiert: „Soft Skills sind später eh viel nützlicher als Hard Skills, zumindest in bestimmten Berufsfeldern. Wir haben sogar oft mit dem Lehrpersonal aus der Praxis darüber gesprochen, dass Erfolg in der Arbeitswelt viel häufiger auf die menschliche Komponente zurückzuführen ist. Gute Noten können Teamfähigkeit, Einfühlungsvermögen oder Überzeugungsfähigkeit nicht ersetzen. Wissenschaftliches Fachwissen kann man zwar lernen, aber eben auch immer nachschlagen.“ Was die aktuelle Fernlehre betrifft, bei der das alles wegfällt, versucht er immerhin auf die wenigen positiven Auswirkungen zu blicken und erwähnt, dass Studierende jetzt zumindest lernen können, wie man effizienter via Online-Tools zusammenarbeiten kann, da diese Kommunikationsvariante auch nach der Pandemie für einen Großteil der Arbeitswelt relevant bleiben wird.

Funktioniert Socializing auch via Videokonferenz?

Das vergangene Wintersemester ging immerhin schon in die zweite „Corona-Uni“-Runde. Distance Learning und Videokonferenzen sind deswegen kein Neuland für Johanna und Jan. Gab es in den kleineren Seminar- oder Übungsgruppen auch die Chance, digital neue Freundschaften zu schließen? Immerhin scheint das bei den Internetgenerationen seit Jahren ganz gut via Social Media zu klappen. Johanna hat trotz ihrer Offenheit keine einzige neue Person in den Online-Lehrveranstaltungen kennengelernt. „Im Normalfall ist das bei mir immer passiert. Bei den Videokonferenzen war es aber so, dass nach jeder Einheit alle so schnell wie möglich die Tabs geschlossen haben. Ich denke, die meisten waren einfach froh darüber, sich endlich vom Laptop wegbewegen zu können. Ich wäre auch nie auf die Idee gekommen, irgendwen auf Facebook oder Instagram zu suchen und anzuschreiben. Es ist ja auch schräg, jemanden anzuschreiben mit dem man sonst nicht viel geredet hat.“ Auch Jan hat sich nicht mit neuen Leuten anfreunden können und sagt dazu: „Ich denke auch nicht, dass man Freundschaften wirklich via Videokonferenzen schließen kann, vielleicht in Ausnahmefällen durch intensivere Gruppenarbeiten, die sich über das ganze Semester ziehen. Es würde aber auch da trotzdem etwas fehlen, da man sich nur über eine Kamera sieht, anstatt nebeneinanderzusitzen und Leute wirklich einschätzen zu können.“

Berufstätige unter Dreifachbelastung

Besonders viele ältere Student*innen arbeiten oft schon Teil- oder sogar Vollzeit, was dem Studienerfolg, bei schlechtem Zeitmanagement, auch vor der Pandemie in die Quere kommen konnte. Seit einem Jahr gibt es neben der psychischen Belastung durch die Ausgangsbeschränkungen und dem fortwährenden Uni-Leistungsdruck, noch einen weiteren Stressfaktor im Alltag: der Homeoffice-Umstieg. Jan radelt zum Ausgleich zwar gerne als Essenslieferant durch die Straßen Wiens, macht seinen Job als Research Analyst aber im Homeoffice. Er erzählt, dass es vor allem im harten Lockdown oft vorgekommen ist, dass er das Zeitgefühl total verloren hat: „Das größte Problem für den Kopf ist hier, dass es keine räumliche Trennung zwischen Freizeit, Studium und Arbeit gibt. Man kann ja im Lockdown auch nirgends hin. Beim Übergang von Distance-Unterricht zum Homeoffice schließt man einen Tab und macht dann direkt den nächsten auf. Da-bei hat man sich nicht einmal vom Platz bewegt. Man wechselt für etwas Abwechslung höchstens den Laptop, falls man überhaupt einen zweiten von der Arbeit zur Verfügung gestellt bekommt.“

Johanna verbringt als Redakteurin für ein Onlinemagazin ebenso viele Stunden vor ihrem Computerbildschirm. Es stört sie, dass es für viele durch das fehlende soziale Leben so wirkt, als hätte man nun mehr überschüssige Energie für die Arbeit oder das Studium. In Wahrheit erschwert die gesamte Lage ihren Konzentrations-Flow nur, denn sie arbeitet am besten, wenn ihre innere seelische Batterie aufgeladen ist. Mehr Zeit bedeutet für sie also nicht mehr Leistung. Vor allem kalte dunkle Wintertage haben ihr zu schaffen gemacht. „Ich wusste, zum Beispiel, dass ich eine Präsentation vorbereiten und einen Text fertigschreiben muss, aber meine Leistungsfähigkeit war wie weg und das kann man bei fixen Deadlines nicht als Ausrede verwenden. Jetzt muss ich so auch noch an meiner Masterarbeit schreiben und es fällt mir schon schwer, überhaupt anzufangen. Vielleicht verlängert sich deswegen auch die Zeit bis zum Abschluss, obwohl ich eigentlich super in meinem Zeitplan gelegen bin“, verrät sie. Anderseits ist sie jedoch unfassbar froh darüber, ihren Job nicht verloren zu haben. Genau das ist nämlich all ihren Freund*innen passiert, die in der Gastronomie tätig waren.

Leistungsdruck statt Entlastungen

Die geplante Einführung der Mindeststudienleistung wurde aufgrund der Proteste von Studieren-den entschärft. Die UG-Novelle sollte Studierende im Grunde dazu anspornen, schneller zu studieren. Johanna war als Studierendenvertreterin gar nicht mit den geplanten Änderungen einverstanden. „Es trifft genau diejenigen, die es eh schon schwer im Studium haben.“ Sie versteht den Hang zum ständigen Leistungsoptimierungsdruck nicht, da es ihrem Verständnis von Bildung widerspricht: "Gut Bulimielernen, um schnell ECTS-Punkte sammeln zu können, sagt wenig über späteren Erfolg im Job aus. Studieren ist so viel mehr. Es geht um Erfahrungen, Netzwerke, wichtige Themen wirklich verstehen und präsentieren zu können. DAS sind Skills, die man später braucht.“ Jan stimmt zu und versteht überhaupt nicht, warum die Steigerung der Leistungserwartung an Hochschulen in Zeiten der Krise thematisch über-haupt relevant ist und wünscht sich mehr Einfühlungsvermögen für die scheinbar unsichtbare aber deutlich schwierige Lage von Studierenden.

Über ihre Zukunftspläne sprechen die beiden eher zurückhaltend und skeptisch. Johanna ist mit ihrem Job als Redakteurin sehr zufrieden und hofft, dass sie in diesem Semester durch die immerhin wärmeren Temperaturen endlich mehr Motivation für das Schreiben ihrer Masterarbeit finden wird. Jan meint, dass er weiterhin als Research Analyst tätig sein möchte und hofft, dass er die letzten Prüfungen besteht. Er hätte nach dem Abschluss am liebsten die klassische Weltreise unternommen, bevor er mit dem Master anfängt. Inwiefern er diese Idee in die Tat umsetzen kann, wird sich noch zeigen. Abwarten und Tee trinken lautet das Motto, was mittlerweile auch nichts Neues ist.


Dieser Artikel ist im Rise. Das Karrieremagazin für Studierende und Young Professioanls der Universität Wien erschienen.

Text von Šemsa Salioski
Portraitfotos von Johanna & Jan: Niko Havranek



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