Promoviert: Und nun?

Berufsentscheidung zwischen Universität und Privatwirtschaft.

Ein Doktorat gehört in den Naturwissenschaften quasi „zum guten Ton“ der Ausbildung. Während der Bildungsweg also klar vorgegeben scheint, ist die Entscheidung nach dem Abschluss umso schwieriger: Eine Karriere in der Privatwirtschaft steht dem Weiterforschen an der Universität gegenüber.

Die unterschiedlichsten Faktoren wie Karrieremöglichkeiten, Arbeitsbedingungen, Forschungsschwerpunkte und finanzielle Aspekte können diese Entscheidung bedingen. Wir haben uns genauer mit dem Thema auseinandergesetzt und mit Irene Promussas und Hande Barkan-Öztürk über ihre jeweiligen Entscheidungen im Karriereweg gesprochen. Während Jobs in der Privatwirtschaft tendenziell besser bezahlt werden, sind die Forschungsgebiete an der Universität oftmals breiter.

Der Weg zur Forscher*in

Hande Barkan-Öztürk hat Chemie an der Technischen Universität Istanbul studiert – dann kam sie nach Wien für ihr Masterstudium Chemie und Technologie von Materialien, ein gemeinsames Masterprogramm der Universität Wien und der Technischen Universität Wien.

Sowohl im Bachelor als auch im Master forschte sie an Polymeren. Obwohl der Missbrauch dieser ein Umweltproblem darstellt, beeinflussen sie, laut Hande, unser tägliches Leben auf die bestmögliche Weise. Auf der Suche nach einer Gruppe für ihre Masterarbeit, fand sie glücklicherweise eine, die perfekt in ihren Schwerpunktbereich passte. Auf den Master folgte der Ph.D. – heute forscht sie im Bereich der natürlichen Polymere und versucht, sie als Adsorptionsmittel für die Abwasserbehandlung zu verwenden.

Irene Promussas hat zunächst das Studium Pharmazie an der Universität Wien abgeschlossen. Neben dem Studium arbeitete sie, da sie sich großteils selbst erhalten hat. Danach absolvierte sie das Aspirantenjahr in einer Apotheke. Im Jahr darauf begann sie ein Doktoratsstudium am Institut für Krebsforschung. Daneben war sie immer in einer Apotheke teilzeitbeschäftigt, in der sie auch heute noch arbeitet.

Die beiden Frauen verbindet neben einem ähnlichen Bildungsweg vor allem auch die frühe Leidenschaft und das Interesse an Naturwissenschaften. Irene sah die Pharmazie bereits mit zehn Jahren als ihren Berufswunsch: „Eine große Liebe zur Natur, zur Botanik, zur Naturwissenschaft und der Heilkunst haben schon früh meine Auswahl bestimmt“, erzählt sie im Interview.

Handes Zugang zum Feld ist von einem privaten Schicksalsschlag geprägt: „Als ich ein Kind war, hatte ich allergisches Asthma. Deshalb bekam ich zwei Jahre lang fast jede Woche Injektionen im Labor des Krankenhauses. Ich denke, dass sich in dieser Zeit das Interesse an Laboratorien entwickelte.“ Das Interesse blieb und wurde in der Schule vertieft : „Später, als ich in der Mittelschule war, hatte ich einen großartigen Lehrer für Naturwissenschaften, der uns viele beeindruckende Experimente im Labor zeigte. Eines der großartigsten Dinge für mich war das Quecksilber, seine perfekte, nicht benetzende Flüssigkeitsstruktur und glänzende Oberfläche. Aber jetzt bin ich froh, dass ich kein Experiment mit Quecksilber mache.“

Universität oder Privatwirtschaft

Während das Interesse an den Naturwissenschaften die Studierenden also oft sehr klar in das Feld und dann auch zum Doktorabschluss bringt, muss danach die Entscheidung getroffen werden, ob die Karriere an der Universität in der Forschung weitergeführt wird – oder ob ein Wechsel in die Privatwirtschaft erfolgt.

Hier spielen strukturelle Faktoren und individuelle Interessen eine Rolle. Während Jobs in der Privatwirtschaft tendenziell besser bezahlt werden, sind die Forschungsgebiete an der Universität oftmals breiter – somit kann auch an Nischenthemen gearbeitet werden, für die es in der freien Wirtschaft oft kein Budget gibt. Das erklärt auch Irene: „Die befristeten Verträge an der Uni sind ein großes Problem, vor allem, wenn man eine Familie hat. Die Suche nach Finanzierungen, Projekteinreichungen etc. können das Berufsleben zusätzlich erschweren. Dafür gewinnt man den Eindruck, dass die Forschung etwas freier ist.“

Aber auch die Karriereaussichten sind unterschiedlich: Während die Nachfrage nach Absolvent*innen in der Privatwirtschaft eher hoch ist, kann es sich schwerer gestalten, eine unbefristete Stelle an der Uni zu bekommen, da diese noch immer selten sind. Ergatterte Stellen an der Universität gelten dafür als sicher, während Jobs in der Privatwirtschaft weit mehreren Unsicherheitsfaktoren unserer schnelllebigen, kapitalistischen Gesellschaft ausgesetzt sind.

Chancen und Herausforderungen

Darüber hinaus können natürlich auch der eigene Lebensweg sowie persönliche Schicksalsschläge die Entscheidung bedingen – wie Irene erzählt: „Mitten im Doktoratsstudium bekam ich mein erstes Kind, das mit einer seltenen Erkrankung geboren wurde. Trotz widrigster Umstände – ich war sehr bald Alleinerziehende und hatte ein Rund-um-die-Uhr-Management zu bewältigen – konnte ich vier Jahre danach promovieren. Es war eine sehr herausfordernde Zeit. Danach konnte ich glücklicherweise bald wieder in einer Apotheke arbeiten, zumindest in Teilzeit.“ Aber auch abseits davon konnte sie sich persönlich nicht wirklich als Forscherin an der Universität sehen: „Ich registrierte zu dieser Zeit auch, dass vor allem die Frauen an der Uni große Opfer bringen mussten, um voranzukommen. Viele hatten ein sehr eingeschränktes oder gar kein Privatleben mehr. Allgemein hatte ich den Eindruck, dass viel mit Ellbogen gearbeitet wurde, manchmal bis hin zu Sabotage und Datenklau.“

Im Gegensatz dazu hat sich Hande dazu entschieden, an der Universität zu bleiben. „Als ich das Ende meines Ph.D. erreicht hatte, überlegte ich, mir einen Job in der Industrie zu suchen. Aber dann bot mir mein Betreuer eine Stelle als Postdoc-Forscherin in der Gruppe an und es war eine großartige Gelegenheit, Kenntnisse und Erfahrungen in der Verwendung von natürlich vorkommenden Polymeren zu sammeln.“

Hande ist froh, diese Entscheidung getroffen zu haben, und betont die Vorteile und Möglichkeiten der universitären Forschung: „Für mich war der klarste Teil meines Karriereplans, dass ich in der Forschung und Entwicklung sein möchte. Um ehrlich zu sein, habe ich nicht einmal an ein Doktorat gedacht, aber hier bin ich. Ich hatte die Möglichkeit, an der Universität weiterzumachen, frei zu arbeiten und neue Materialien zu entwickeln, die in der Industrie angewendet werden. Irene Promussas hat Pharmazie studiert und ebenfalls an der Uni Wien promoviert. Schon während des Studiums hat sie in einer Apotheke gearbeitet, was sie jetzt auch hauptberuflich macht. "Ich denke, es ist eine großartige Gelegenheit, in unserer Gruppe und an der Universität Wien zu sein. Ich bin froh, dass ich nicht auf Marktforschung, Gewinne oder fehlende Ausrüstung beschränkt bin. Ich denke, es ist das größte Privileg, ein Teil der Universität zu sein. Unser Fokus beschränkt sich nicht darauf, was Kund*innen wollen oder wie wir es verkaufen können, sondern wie wir bei der Lösung der Probleme helfen können.“

Wie schaut der berufliche Alltag aus?

Aufgrund der unterschiedlichen Entscheidungen hinsichtlich ihres Karrierewegs, aber auch durch persönliche Einflüsse des Lebens, sieht der berufliche Alltag der beiden Frauen natürlich unterschiedlich aus. Hande entwickelt gerade ein Absorptionsmaterial, um Schwermetalle und/oder organische Schadstoffe aus dem Abwasser zu entfernen.

Irene dagegen arbeitet als Angestellte in einer Apotheke und hat bereits eine Stammklientel. Daneben hat sie aus eigener Betroffenheit heraus eine Organisation für Kinder, vor allem mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen, gegründet: „Lobby4kids – Kinderlobby“. Außerdem ist sie freie Redakteurin.

Wichtig für die Forschung und die Menschen, die sie betreiben, sind natürlich auch die Zukunftsaussichten, die laut Hande vor allem auch von finanziellen Faktoren abhängen: „Wir haben das große Glück, verschiedene Geräte und Labore für die Forschung zu haben. Das Hauptproblem ist jedoch die Finanzierung, die insbesondere für die Chemie äußerst wichtig ist, da wir auf viele verschiedene Chemikalien angewiesen sind. Wenn unsere Ideen von Geldgeber*innen und auch von der Industrie unterstützt werden, können wir neue Substanzen schaffen, die nicht nur der Wissenschaft dienen, sondern auch unser Leben verbessern.“

Auch Irene plant, ihrer Karriereentscheidung für die Privatwirtschaft treu zu bleiben: Prinzipiell ist sie mit ihren Aufgaben und Tätigkeitsfeldern sehr glücklich, auch wenn sich dadurch möglicherweise ein Pensionsproblem abzeichnen wird, da sie in Teilzeit arbeitet.

Aber auch mit der Universität und der Ausbildung, die sie dort bekommen hat, identifiziert sie sich stark und betont die Vorteile: „Ich werde der Universität immer verbunden bleiben und sage sicher niemals nie. Meine Jahre in der Forschung waren keineswegs umsonst, denn in allen Bereichen kann ich von allen Ausbildungen profitieren – analytisches, naturwissenschaftliches und vernetztes Denken hilft mir ständig. Und auch die Arbeit in nationalen und internationalen wissenschaftlichen Gruppen kommt mir laufend zugute.“

Während die Karriere-Entscheidung für Postdocs also an allgemeinen, strukturellen Faktoren hängt, spielen im Endeffekt eben auch persönliche Vorlieben, Lebensumstände und Chancen zur richtigen Zeit eine große Rolle.


Dieser Artikel ist zuerst in unserem Karrieremagazin Rise erschienen.