Die unbekannten Weiten der Arbeitswelt 4.0.

Wie werden wir im Jahr 2035 arbeiten?

Der typische Nine-to-five-Job im Angestelltenverhältnis wird es wohl nicht sein. Gemeinsam mit der Karriere Expertin Daniela Wittinger blicken Wirtschaftshistorikerin Therese Garstenauer und Soziologe Jörg Flecker von der Uni Wien in die Arbeitswelt der Zukunft.

Flexibilisierung, digitaler Wandel, Arbeit 4.0

Die Arbeitswelt verändert sich in einem nie dagewesenen Tempo und sogenannte Normalarbeitsverhältnisse scheinen zu erodieren. Was das für den*die Einzelne von uns bedeutet, ist unklar, und auch von Branche zu Branche werden die Auswirkungen kontroversiell diskutiert. Doch was ist an Arbeit 4.0 tatsächlich dran? Wohin verändert sich unsere Arbeitswelt in den nächsten 15 Jahren und welche Chancen und Risiken sind damit verbunden?

Where we start from

Was genau versteht man überhaupt unter "Normalarbeitsverhältnis"? "Der Begriff wurde in den 1980er Jahren geprägt", erklärt Historikerin Therese Garstenauer vom Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Uni Wien. So "normal" war dieses Konzept aber nie, sondern regional auf West- und Mitteleuropa und historisch insbesondere auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts begrenzt. "Dennoch ist es nicht völlig erodiert, sondern kommt häufiger vor als vielfach angenommen wird – wenngleich bei sehr unterschiedlichen geschlechtsspezifischen Ausgangsbedingungen", so Garstenauer. Etwa arbeiteten 2015 in Österreich mehr als die Hälfte der Frauen (52 Prozent) in atypischen Beschäftigungsverhältnissen, aber nur 16 Prozent der Männer.

Was ist ein Normalarbeitsverhältnis?

Der Begriff bezeichnet eine bestimmte Form des Lebensunterhalts, der durch unbefristete Vollzeitbeschäftigung im Angestelltenverhältnis charakterisiert ist. Die Entlohnung wird regelmäßig ausgezahlt und deckt die Bedürfnisse der arbeitenden Person ab. Sie ist auf Basis von Kollektivverträgen o. ä. geregelt. Die Beschäftigung ist sozialversicherungspflichtig, also verbunden mit finanzieller Absicherung im Fall von Arbeitslosigkeit, Alter und Krankheit. Zudem besteht die Möglichkeit einer kollektiven Interessensvertretung, wie Betriebsrat, Gewerkschaft etc.

-Therese Garstenauer-

Chancen und Risiken der Arbeit 4.0

Fest steht, dass neue technische Möglichkeiten die Optionen für die Gestaltung von Arbeit und Organisation verändern und die Arbeitswelt transformieren. Darin liegen dem Arbeitssoziologen Jörg Flecker von der Uni Wien zufolge zugleich Chancen und Risiken, wobei die Chancen für die einen ein Risiko für die anderen sein können. "Beispielsweise bedeutet die Automation von Tätigkeiten eine Chance für das Unternehmen, für die Arbeitenden jedoch das Risiko, den Arbeitsplatz zu verlieren", so Flecker.

"Bei der Arbeitsgestaltung entwickeln sich gleichzeitige Trends in unterschiedliche Richtungen: einerseits eine Zusammenlegung von Aufgaben am Arbeitsplatz, mehr Entscheidungsspielräume und Höherqualifizierung und andererseits eine verstärkte Arbeitsteilung, Abwertung von Tätigkeiten und genaue Überwachung der Arbeitenden", führt der Arbeitssoziologe Flecker weiter aus.

"Ermöglicht" oder "erschafft" Technologie die neue Arbeitswelt?

Wer gestaltet nun diese künftige Arbeitswelt – der Mensch oder die Technik? "Der Technikdeterminismus, also die Ansicht, dass die Technik die Arbeit und die Organisation bestimmt, ist zwar schon lange widerlegt, beherrscht aber dennoch die aktuelle Diskussion", erklärt Jörg Flecker. Seiner Ansicht nach sind es vielmehr soziale und politische Entscheidungen, die sowohl die technologischen Fortschritte als auch ihre Anwendung bestimmen. "Problematisch ist jedoch, dass derzeit überwiegend die Kapitaleigner und die großen Unternehmen vorgeben, wohin die Reise geht – mit allen Nachteilen für die Mehrheit der Bevölkerung," so Flecker.

Laut dem "New Work Trendbook" der Karriereplattform XING wird ein Großteil der heutigen VolksschülerInnen im Jahr 2035 in Berufen tätig sein, die wir heute noch nicht kennen. Jedes dritte XING-Mitglied glaubt, dass es seinen/ihren Job in der jetzigen Form nicht mehr geben wird.

"Es scheint, als ginge es nur darum, sich möglichst schnell auf eine nicht zu vermeidende Entwicklung einzustellen und möglichst früh auf den Zug aufzuspringen. Fragen wie: 'Welche Ziele werden mit der Digitalisierung verfolgt?', 'Welche Probleme sollen damit gelöst werden?' oder 'Wer profitiert davon?' geraten dabei ins Hintertreffen", merkt der Arbeitssoziologe an. Der Business Philosoph Anders Indset bringt die Problematik wie folgt auf den Punkt: "Technology is the answer, but what was the question?"

Where we go

Damit die Technik dem Menschen dient und nicht umgekehrt, müssen laut Flecker alle potenziellen NutzerInnen bzw. Betroffenen in die Entwicklung eingebunden werden, ausgehend von der Frage: "Was könnte unser Leben verbessern und was könnte unsere Arbeit erleichtern?" "Dieser Prozess kann dann zu einer bestimmten Gestaltung von Technik – oder aber auch zum Verzicht auf Technik führen", so Jörg Flecker.

Was heißt das nun für jede*n Einzelne*n von uns? Therese Garstenauer geht davon aus, dass die neue Arbeitswelt unsere Lebensentwürfe verändern wird: "Wechselhafte Karriereverläufe machen es schwieriger, längerfristig zu planen. Digitales Nomadentum ist vermutlich einfacher zu leben, wenn man jung und ungebunden ist", so die Historikerin. Doch jung und ungebunden ist man zumeist nicht das ganze Leben, was dann?

Keine*r von uns kann vorhersagen, wie neue Technologie und die Digitalisierung unser berufliches und privates Leben verändern werden. Nichtsdestotrotz oder gerade deshalb wird die Auseinandersetzung mit der eigenen beruflichen Identität künftig besonders wichtig sein. Fragen wie etwa „Was erwartet mich auf dem Planeten 'Neue Arbeitswelt'?", "Wie muss ich mich dafür wappnen?" oder auch "Wie kann ich mich beruflich neu (er-)finden?" sind für die Generationen Y und Z besonders relevant. "Diskontinuitäten im beruflichen Werdegang sind schon jetzt die Regel und werden dies auch künftig bleiben", davon ist Therese Garstenauer überzeugt. 


Daniela Wittinger

Systemischer Coach, Soziologin, Mama, Unternehmensgründerin und Karriere-Beraterin bei Uniport Bunte Biographien und verschlungene Lebenswege faszinieren sie sowohl beruflich als auch privat. Die Beschäftigung mit beruflichen Übergängen, Erst-, Neu- und Wiedereinstiegen zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben.
 

Dieser Artikel ist Teil eines Gastbeitrags im Alumnimagazin der Universität Wien univie 2 /2019  



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